Die »Teutsche Academie der Edlen Bau- Bild- und Mahlerey-Künste«,
Nürnberg 1675–1680

Joachim von Sandrarts Publikationen gehören zu den wichtigsten Quellentexten der frühen Neuzeit. Durch alle Zeiten hindurch wurden sie von Künstlern und Wissenschaftlern international rezipiert. 1675 erschien in Nürnberg der erste Teil der Teutschen Academie der Edlen Bau- Bild- und Mahlerey-Künste, die der Autor den »Kunst-Helden und Kunstliebenden« (also den Künstlern und Kunstsammlern seiner Zeit) widmete. Der Band folgt im Aufbau dem Modell, das Giorgio Vasari mit seinen Viten vorgelegt hatte: die Theorie über die drei Künste ist den Künstlerviten vorangestellt. Der zweite, 1679 herausgegebene Teil erweitert die theoretischen Bücher über die Kunstgattungen durch umfangreiche antiquarische Ausführungen. Diesem Band wurde eine Übersetzung der Ovid-Metamorphosen-Paraphrase von Karel van Mander beigebunden. 1680 schließlich publizierte Sandrart als Ergänzung des Werks eine mit neuen Illustrationen versehene Übersetzung von Vincenzo Cartaris Imagini de i Dei de gli antichi. Um den internationalen Lesern die Lektüre seiner Teutschen Academie zu ermöglichen, veranlasste Sandrart ab 1680 lateinische Ausgaben über die drei Künste: Sculpturae veteris admiranda (1680), Academia nobilissimae artis pictoriae (1683) – mit einigen wichtigen Ergänzungen in den Lebensläufen – und das Romae antiquae et novae theatrum (1684).
Die kunstliterarischen Schriften Sandrarts weisen eine große thematische Bandbreite auf: Die Themen reichen von allgemeinen Abhandlungen zur antiken Architektur und Skulptur, zu Theorie und Vorbildern der Malerei, über die Viten antiker und moderner Künstler verschiedener Länder, die auch eine ausführliche Biographie Sandrarts enthalten, und Ausführungen über die Kunstsammlungen und Schatzkammern seiner Zeit bis hin zu zwei ikonographischen Schriften, den Übersetzungen von Ovids Metamorphosen und des mythographischen Handbuchs von Cartari. Sein Lebenslauf, der den 1606 als Sohn niederländischer Emigranten in Frankfurt geborenen Künstler in die Kunstmetropolen Europas führte, machen seine Texte mit Berichten aus erster Hand über Künstler, Kunstwerke und Sammlungen zu einem Werk von europäischer Dimension.
Der Publikation des ersten Teils der Teutschen Academie hatte Joachim von Sandrart zu verdanken, dass er am 28.4.1676 als der »Gemeinnützige« in die »Fruchtbringende Gesellschaft« aufgenommen wurde, jene 1617 von Fürst Ludwig zu Anhalt-Köthen nach dem Vorbild der florentinischen »Academia della Crusca« ins Leben gerufene Sprachgesellschaft, die darauf zielte, die deutsche Sprache zu fördern und zu verfeinern.
In den letzten Jahrzehnten seines Lebens nahm die schriftstellerische Tätigkeit des Künstlers einen immer größeren Raum ein. Dabei blickte er auf einen lebenslangen Austausch mit Gelehrten, Dichtern und Verlegern zurück. Demzufolge stellt sich Sandrarts Teutsche Academie als ein Arrangement von Textzitaten dar, die kommentiert, durch eigene Erfahrungen oder neuere Erkenntnisse erweitert und vor allem durch zahlreichen Kupferstiche bereichert sind. Bei der literarischen Ausgestaltung des Textes stand ihm der Nürnberger Dichter Sigmund von Birken zur Seite, der die Arbeit redaktionell betreute.
Als Quellentexte dienten Sandrart neben den Viten Giorgio Vasaris und dem Schilder-Boeck des Karel van Mander zahlreiche Schriften über einzelne Künstler (z.B. das Manuskript des Johann Neudörffers mit den Nachrichten über Künstler und Werkleute in Nürnberg von 1547) und über Fachgebiete der Kunst und der Altertumskunde (Publikationen des 16. Jahrhunderts wie Sebastiano Serlios Regole generali di Architettura und Andrea Palladios Quattro Libri dell'Architettura ebenso wie aktuellste Erscheinungen seiner Zeit, z.B. Alessandro Donati, Roma vetus ac recens, Rom 1638; Giovanni A. Canini, Iconografia cioè disegni d’imagini de' famosissimi monarchi, regi, filosofi, poeti ed oratori dell'antichità, cavati … da frammenti de marmi antichi, 1669; Charles Patin, Relations historiques et curieuses de voyages en Allemagne, Angleterre, Hollande etc, 1676; Caspar Bartholinus, De tibiis veterum et earum antiquo usu libri tre, 1679, um nur einige zu nennen). Die Teutsche Academie ist das Produkt von Lektüre, Kompilieren und Auslegen von gelehrtem Wissen, wie es dem Wissenschaftsverständnis des 17. Jahrhunderts entspricht, aber auch das Ergebnis des intensiven Gesprächs mit den dichtenden Zeitgenossen. Dies kennzeichnet ihn als typischen Polyhistor in der Definition eines Juan Luis Vives (De disciplinis, 1531), ausgestattet mit Lebenserfahrung, dem Beispiel der Vorfahren und der Kenntnis der Gegenwart.
Als erste enzyklopädische Kunstgeschichte in deutscher Sprache, als Kompilationstext zu den Grundlagen der künstlerischen Ausbildung, der eine Übersetzung von Fachliteratur aus dem Niederländischen, Französischen und Italienischen ins Deutsche einschloss, entsprach das Werk den Ideen der »Fruchtbringenden Gesellschaft« ebenso wie den Vorstellungen des Pegnesischen Blumenordens, dessen Mitglied Sandrart zwar nicht wurde, deren Mitgliedern er aber nahe stand. Sandrarts Überlegungen und Wünsche, die eigenen Erfahrungen in den Kunstmetropolen Europas, vor allem im ›blühenden‹ Italien, für das eigene Land fruchtbar zu machen und mit den Vertretern der eigenen nationalen Identität (Malern wie Dürer, Grünewald und Elsheimer) in Einklang zu bringen, trafen sich mit denjenigen beider Sozietäten. Diese gemeinsamen Ziele und Grundsätze – das Vorbild Antike, die Sehnsucht nach einer blühenden Kunstproduktion, das Wetteifern mit dem europäischen Ausland – finden in der Teutschen Academie wie in Sandrarts Gemälden ihren Niederschlag.
Anna Schreurs