Joachim von Sandrart
Der Maler und Kunstliterat Joachim von Sandrart (1606–1688) war eine ausgesprochen vielseitig begabte, sehr produktive und durch die weit verzweigten Handelsbeziehungen seiner Familie kosmopolitische Persönlichkeit. Als Sohn einer aus Wallonien stammenden, vermögenden Calvinistenfamilie, die den katholischen Habsburgern 1602 aus Valenciennes weichen musste, wurde Sandrart am 12. Mai 1606 in Frankfurt am Main geboren. Der Einfluss, die internationalen Beziehungen und der Wohlstand seines familiären Umfeldes erlaubten ihm eine umfassende künstlerische Ausbildung bei den in Europa bekanntesten Lehrmeistern. Er erfuhr erste künstlerische Anregungen bei Sebastian Stoskopff in Frankfurt, erlernte das graphische Handwerk bei Aegidius Sadeler in Prag und ging von dort nach Utrecht, wo er ab 1625 in der Werkstatt von Gerrit van Honthorst arbeitete. Ein Höhepunkt seines ersten Aufenthaltes in den Niederlanden war das Zusammentreffen mit Peter Paul Rubens.
Die engen Beziehungen Utrechts zu Rom, Sandrarts Begegnung mit Rubens und der Wunsch, die antike Architektur und Skulptur zu studieren, führten Sandrart zu der Entscheidung, zusammen mit seinem Vetter und Mentor Michel le Blon 1629 zu einer Reise nach Italien aufzubrechen. Auf dem Hinweg machten sie in Venedig Station, wo sie Johann Liss trafen. Noch im gleichen Jahr 1629 reisten sie über Bologna nach Rom, wo die Kunst des Hochbarock mit Pietro da Cortona und Gianlorenzo Bernini erste Triumphe feierte. Im Sinne des an klassischen Idealen orientierten Barocks erarbeitete er sich den neuen Stil am Vorbild Domenichinos. Zudem verkehrte er mit Claude Lorrain und Nicolas Poussin, zeichnete mit Andrea Sacchi und Pietro Testa und nahm Kontakt mit der Schildersbent auf. Eine Reise nach Neapel, Malta und Messina führte ihn zu Ribera, Artimisia Gentileschi und Stanzione sowie zu Caravaggios monumentaler Johannesenthauptung. Seit 1632 wohnte er im Palazzo Giustiniani; offenbar vor allem als Kurator von dessen Gemäldesammlung und als Organisator der »Galleria Giustiniani«, eines umfangreichen Konvoluts von Kupferstichen nach Antiken, zu denen er selbst, Theodor Matham und Cornelis Bloemaert die Vorlagen lieferten.
Im Frühjahr 1635 verließ Sandrart Rom und reiste über Basel in das durch die Wirren des Dreißigjährigen Krieges heimgesuchte Frankfurt. Während des zweijährigen Aufenthalts dort entstanden in erster Linie Porträts, unter anderem das Bildnis Johann Maximilian zum Jungen, aber auch die von Elsheimer inspirierte Mondlandschaft mit Amor und Venus pudica. 1637 heiratete er Johanna Milkau, die Tochter eines reichen Bankiers und Besitzers der Hofmark Stockau, unweit von Augsburg. Noch im selben Jahr verließ er Frankfurt und zog mit seiner Frau nach Amsterdam. Als wichtigster Vermittler in gesellschaftlichen Belangen war es erneut Le Blon, der ihm den Zutritt zum Amsterdamer Patriziat und damit erste Bildaufträge ermöglichte. Das Porträt des Kurfürsten Maximilian von Bayern führte 1642 zur Beauftragung von zwölf Monatsbildern für Schloss Schleißheim. Bevor er nach Deutschland zurückkehrte, reiste er 1645 nach Antwerpen, wo die Altarbilder von Rubens einen nachhaltigen künstlerischen Eindruck hinterließen. Im selben Jahr verstarb sein Schwiegervater und hinterließ ihnen das herrschaftliche Anwesen in Stockau, ihren seit 1645 neuen Wohnsitz. Die nächsten Jahre waren durch den Wiederaufbau des Gutes und seiner oftmals schwierigen Verwaltung bestimmt, aber auch durch zahlreiche, bedeutende Aufträge für Kirchenaltäre, etwa für den Würzburger Dom (1646), den Bamberger Dom (1651), den Wiener Stephansdom (1653) und für die Lambacher Klosterkirche, deren umfangreiche Ausstattung ihn bis 1661 beschäftigte.
Anlässlich des Festessens am 25. September 1649 in Nürnberg mit Pfalzgraf Karl Gustav von Schweden und den Reichständen malte er als ersten bedeutenden offiziellen Auftrag das Große Friedensmahl. Im Jahr 1653 wurde er zum Pfalz-Neuburgerischen Rat geadelt und schuf in den Folgejahren in Wien die Porträts Kaiser Ferdinands III., des römischen Königs Ferdinand IV. und des Erzherzogs Leopold, die ihm auch den österreichischen Adelstitel einbrachten. Die letzte wichtige Ehrung war 1676 die Aufnahme in die Fruchtbringende Gesellschaft.
Seit Mitte der 1660er Jahre widmete Sandrart sich verstärkt der Tätigkeit als Kunsttheoretiker und Lehrer. So war er maßgeblich an der Gründung der Kunstakademien in Nürnberg (1662) und in Augsburg (1670) beteiligt. Vor dem Hintergrund seines reichen künstlerischen Erfahrungsschatzes begann er 1668 unter Mithilfe des Dichters und Publizisten Sigmund von Birken mit der Niederschrift der Teutschen Academie, die in drei Bänden zwischen 1675 und 1680 in Nürnberg publiziert wurde. Damit schuf er ein in seinem Umfang ebenso imponierendes, wie lebendiges Buch, das in das gesamte Reich ausstrahlte und bei Künstlern und deren Kritikern neue Maßstäbe setzte.
Nicole Hartje-Grave
